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07/18 DER MERKWÜRDIGE FALL DES STEFAN GEORGE


 Ausstellung «Stefan George: Das geheime Deutschland», Deutsches Literaturarchiv Marbach, 2008 © Karsten Thormaehlen 

Ausstellung «Stefan George: Das geheime Deutschland», Deutsches Literaturarchiv Marbach, 2008 © Karsten Thormaehlen 

 Pfingsttreffen des George-Kreises in Heidelberg 1918 © Ernst Morwitz | Stefan George Archiv, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart

Pfingsttreffen des George-Kreises in Heidelberg 1918 © Ernst Morwitz | Stefan George Archiv, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart

Kurz vor seinem 150. Geburtstag widmet das SWR-Fernsehen dem Dichter Stefan George (1868 – 1933)einen Film seiner Reihe «Bekannt im Land». Der 30-Minüter mit dem Titel «Der merkwürdige Fall des Stefan George» wird am Sonntag, 8. Juli, 18:45 Uhr erstmalig ausgestrahlt.
Kaum ein Dichter hat sich so oft fotografieren lassen. Und niemand sich so erfolgreich gegen Film- oder Tonaufnahmen verwahrt. Wohl kein Dichter hat je einen so ergebenen Kreis von Jüngern um sich geschart. Und kaum ein Dichter hat so sehr versucht, alles Weibliche aus seinem Werk zu tilgen. Stefan George ist einer der seltsamsten Lyriker, die es in Deutschland je gab. Einer, bei dem man nicht weiß, ob ihn seine Gedichte legendär gemacht haben oder seine Lebensführung.
Er wurde am 12. Juli 1868, vor 150 Jahren also, in Bingen am Rhein geboren, geriet früh in die Dichterkreise von Paris, Berlin und München, verfügte nicht einmal über eine eigene Wohnung, sondern nur über Zimmer bei Freunden in vielen Städten. Er galt als exzentrisch, arrogant, frauenfeindlich – und als Genie und Guru. Seine Anhänger waren zum allergrößten Teil junge gutaussehende Männer. Sie dichteten, meißelten, fotografierten – und nannten ihren Zirkel „Das geheime Deutschland“. Stefan George ließ sich mit „der Meister“ anreden und ermahnte seine Jünger zu Fleiß und Verantwortungsgefühl.
Allerdings sind im Lichte neuerer Forschungen auch dunkle Flecken auf die nicht mehr ganz so makellosen Westen des Kreises gefallen. Im Zuge der «#Metoo»-Debatte werden auch Zweifel an dem Schönheitskult laut. Die Vorwürfe reichen bis zu Pädophilie und sexuellem Missbrauch – Entwicklungslinien, die bis in die Reformpädagogik der Odenwald-Schule und in übertrieben libertären Vorstellungen von kindlicher Sexualität in den 1970er Jahren nachwirkten.
Die Bedeutung des Dichters George ist allerdings unumstritten. Viele seiner Gedichte und seine Übersetzungen von Baudelaire und Dante sind bis heute gültige Sprachwunder. Und der Meister führte die generelle Kleinschreibung in die Poesie ein. In der Geschichte des Stefan George-Kreises spiegelt sich auch deutsche Geschichte, zentral in der Gestalt von Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Er und sein Bruder Berthold gehörten zu den Anhängern Georges genauso wie überzeugte Nationalsozialisten. Stefan George starb 1933, ohne sich den neuen Machthabern angedient zu haben. Autor Alexander Wasner begleitet Fotograf Karsten Thormaehlen, den Nachfahren eines George-Kreis-Mitglieds auf einer Spurensuche, die in Bingen beginnt.

 Der «George-Kreis» im nachgeabuten «Achilleon» aka Studio Thormaehlen in Frankfurt am Main, 2018 © Karsten Thormaehlen

Der «George-Kreis» im nachgeabuten «Achilleon» aka Studio Thormaehlen in Frankfurt am Main, 2018 © Karsten Thormaehlen

Autor: Alexander Wasner | Kamera: Sascha Brems | Schnitt: Steffen Steup, Eva Beck, Redaktion: Roland Schell | Dauer 29:44 min | Quelle: SWR 2018 | ARD Mediathek...